Die Geschichte von Brilon-Wald

Zur Geschichte von Brilon-Wald

Als in den Nachbarorten Brilon, Hoppecke, Bruchhausen und Elleringhausen Schützenvereine gegründet wurden, gab es Brilon-Wald noch nicht.
Vor 150 Jahren war es im Hoppecketal oberhalb der Ländereien des Gutes Gudenhagen bis zur Grenze nach Hessen sehr ruhig. Es gab in den ausgedehnten Wäldern, die der Stadt Brilon gehörten, nur Jäger, Holzfäller und Köhler. Niemand hatte dort seinen festen Wohnsitz.

Die ersten Siedler

Im Jahre 1845 ließ sich dann der Gerbereibesitzer Schlüter aus Brilon eine "Lohmühle" bauen, weil er die "Lohe" - zerkleinerte Eichenrinde - für seinen Betrieb benötigte. Als Standort wählte er den Ort, wo die Lüttmecke in die Hoppecke fließt. Nach Fertigstellung der Lohmühle im Jahre 1847 zog Johann Gruß (genannt "Lohhännes") in das zugehörende Wohnhaus. Er überwachte den Betrieb und führte dort auch eine kleine Ausflugsgaststätte.

Von 1847 - 1850 baute die Stadt Brilon durch das Hoppecketal die Chaussee von Brilon nach Willingen. Wer diese Straße benutzte, musste noch bis etwa 1910 dafür zahlen. Johann Gruß wurde auch Chausseewärter, musste die Gebühren kassieren und an die Stadtkasse in Brilon weiterleiten.
1859 wurde die Straße vom Hoppecketal nach Bruchhausen und Elleringhausen / Olsberg fertiggestellt.

Bau der Eisenbahn

1866 erhielt die Bergisch-Märkische Eisenbahn, die vom preußischen Staat verwaltet wurde, die Konzession zum Bau der Strecke Schwerte - Warburg ("Obere Ruhrtalbahn"). Die Stadt Brilon erreichte nicht, dass die Bahnlinie direkt an der Kernstadt vorbeigeführt wurde. Das hätte zu höheren Baukosten und zu einer stärkeren Steigung der Strecke geführt. Außerdem hätte man auch keinen Anschluss an die bestehenden Betriebe in Olsberg gehabt.

Nun kam Leben in das Gebiet, das heute den Namen Brilon-Wald führt, denn hier wurde die Bahnstrecke mit einem Bahnhof gebaut.
Es begann mit dem Bau des 1393 m langen Tunnels von Elleringhausen zum Hoppecketal tief unter dem Habberg (Wasserscheide von Rhein und Weser). Während der Bauzeit des Tunnels (01. Dezember 1868 - 06. März 1872) begann die Bergisch-Märkische Bahngesellschaft auch mit der Errichtung des ersten Bahnhofsgebäudes, des ersten Güterschuppens und der Häuser, die heute an der Korbacher Straße die Nummern 23, 27, 29 und 31 haben ("Bahnhäuser"), wo zuerst die bei den Bauarbeiten eingesetzten Arbeiter und Pferde untergebracht wurden.

Gleichzeitig errichtete der oben bereits erwähnte Johann Gruß, dessen Urenkel teilweise heute noch in Brilon-Wald wohnen, das Haus Korbacher Straße 17, in welchem er eine Gastwirtschaft mit Übernachtungsmöglichkeit betrieb.
Außerdem entstanden daneben die Häuser Nr. 15, 11 und 9, in denen ebenfalls Gastwirtschaften waren.

Diese Gastwirte hatten auch etwas Landwirtschaft. Sie transportierten mit ihren Pferdefuhrwerken Güter und Personen zwischen dem Bahnhof und den umliegenden Orten.

Industrielle Entwicklung

Südlich des Bahnhofs, an der Ostseite der Chaussee, errichtete die Hüstener Gewerkschaft im Jahre 1880 eine "chemische Fabrik", in der Holzkohle hergestellt wurde, wobei auch die Nebenprodukte gewonnen wurden.
Bis nach dem 1. Weltkrieg wurde die Fabrik ständig vergrößert, zeitweilig waren dort fast 300 Leute beschäftigt.

Die Herren Wulfert und Rhode errichteten 1905 an der Straße nach Korbach südlich der chemischen Fabrik die "Westdeutsche Holzindustrie", eine Anlage zur Herstellung von Wäscheklammern und Besenstielen, wo zunächst 35 Leute beschäftigt waren.

1906 wurde die "Westdeutsche Holzindustrie" bereits erweitert. Nach dem Ersten Weltkrieg hat sie sich so entwickelt, dass 1923 Tag- und Nachtschichten eingeführt und zeitweise über 200 Arbeiter beschäftigt wurden.
Im Jahre 1921 kam der Bauingenieur Heinrich Fahle (*1898, †1976) von Ebbinghausen bei Lippstadt (wo sein Vater ein Baugeschäft besaß) nach Brilon-Wald und gründete ein Bauunternehmen. Auf einem Teil des Geländes östlich der Chaussee, das früher zur inzwischen abgebrannten Lohmühle gehörte, errichtete er einen Bauhof, in dem später auch Mauersteine hergestellt wurden.

1922 errichtete die Firma Göpfert aus Plettenberg ein Wohnhaus und eine Fabrik für elektrische Messapparate, Bügeleisen und Motoren (heute Korbacher Straße 3 - 7).

In jenen Jahren entstanden auch die ersten Wohnhäuser abseits der Korbacher Straße am heutigen Kirchweg. Wegen der Holzknappheit im Ersten Weltkrieg hatte man hier den Buchenwald abgeholzt und damit Bauplätze geschaffen - auch für eine neue Schule und die katholische Kirche.
Seit 1901 führte der Ort, der immer ein Teil der Stadt Brilon blieb, also nie ein selbständiges Dorf war, den Namen "Brilon-Wald", weil zu diesem Zeitpunkt die hiesige Bahnstation in "Brilon Wald" (ohne Bindestrich) umbenannt worden war.

Wirtschaftliche Höhen und Tiefen

Im Jahr 1924 gab es in Brilon-Wald bei der Eisenbahn, im stadteigenen Wald und bei den genannten Firmen weit mehr Arbeitsplätze als Wohnmöglichkeiten. Es herrschte - bezogen auf die damalige Zeit - Wohlstand, als in diesem Jahr der Schützenverein gegründet wurde.

Allerdings hat sich dies nach dem Schützenfest 1925 geändert. Zuerst ging die Fabrik von Göpfert in Konkurs, danach die "Westdeutsche Holzindustrie".
Glücklicherweise gelang es, die Häuser der Westdeutschen Holzindustrie an den Caritasverband der Diözese Münster und an die Landesversicherung Westfalen zu verkaufen, die hier gemeinsam Lungenheilstätten für TBC-kranke Frauen einrichteten.
Wegen der guten Auslastung wurde die Klinik sogar um ein großes Haus erweitert, das auf einem Berg östlich von Brilon-Wald gebaut wurde und heute eine Klinik zur Rehabilitation von Suchtkranken beherbergt.

Auch mit dem Bau einer neuen Schule war in den "guten" Jahren nach dem Ersten Weltkrieg begonnen worden. Sie wurde 1924 fertiggestellt.
Direkt neben der Schule wurde dann von Juli 1925 bis Mai 1927 die katholische Kirche errichtet.
Die beiden Gebäude wurden vom gleichen Architekten entworfen (Franz Schneider, Düsseldorf-Oberkassel) und von der gleichen Firma (Gebr. Dohle, Brilon) gebaut.

Auch die chemische Fabrik, die inzwischen der Firma "HIAG" und dann der Degussa gehörte, stand 1932 ganz dicht vor der Schließung. Nur die Beharrlichkeit des damaligen Werksleiters Theophil Reichert hat dies verhindert. 1937 wurde dann auch in dieser Fabrik wieder gebaut.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es in Brilon-Wald noch einmal aufwärts. Die Degussa verkaufte an ihre Mitarbeiter billiges Bauland, das sie noch vor dem Krieg von der Stadt Brilon erworben hatte. Ursprünglich sollten dort werkseigene Wohnhäuser entstehen.

Die meisten Häuser, die heute in Brilon-Wald stehen, sind zwischen 1950 und 1980 entstanden. Erwähnenswert ist, dass fast alle Gebäude für oder von Personen erbaut wurden, die in Brilon-Wald (und teilweise auch bei den Dominitwerken im Bremecketal, wo es keine Bauplätze gab) beschäftigt waren. Offenbar war also weniger unsere schöne - aber durch Bahn- und Industrieansiedlungen doch geschädigte - Landschaft der Grund für die Besiedlung von Brilon-Wald, sondern das Argument, dass man viel Freizeit gewinnt, sowie Nerven und Geldbeutel schont, wenn man dicht bei der Arbeitsstätte wohnt.

Entwicklung der Eisenbahnstrecken

Aber nicht nur die Chemische Fabrik und die Heilstätten boten Arbeitsplätze an. Auch die Eisenbahn, ohne die es ja wohl Brilon-Wald nicht gäbe, hatte in unserem Ort zahlreiche Beschäftigte, von denen viele auch hier wohnten.
Seit Januar 1873 fahren Personen- und Güterzüge über die Schienen der Oberen Ruhrtalbahn.

Am 01. Juli 1900 wurde die Strecke Brilon Wald - Brilon Stadt in Betrieb genommen, von wo Verbindungen nach Soest, Paderborn und Geseke bestanden.
Die Inbetriebnahme der Strecke Brilon Wald - Willingen erfolgte am 31. Oktober 1914 (seit April 1917 geht diese Strecke durch bis Korbach).
In den Jahren von 1913 - 1919 wurden die Bahnanlagen wesentlich erweitert; es entstand auch ein neues Empfangsgebäude, ein neuer Güterschuppen und ein Lokomotivschuppen. Die Hoppecke wurde dazu in östliche Richtung verlegt.

Sehr stark befahren - vor allem mit durchgehenden Güterzügen - war die Obere Ruhrtalbahn zu Beginn der zwanziger Jahre, von 1935 - 1945 und von 1948 - 1965. 1939 sollen bis zu 250 Züge an einem Tag durch Brilon-Wald gerollt sein.
Doch in den letzten Jahrzehnten ging es mit der Zahl der Mitarbeiter bei der Bahn in Brilon-Wald stark bergab. Die Strecke nach Brilon-Stadt wird seit dem 30. September 1974 nur noch von Güter- und Sonderzügen benutzt. 1984 wurde das zweite Gleis zwischen Brilon-Wald und Scherfede demontiert.

Einstellung des Betriebes der Chemischen Fabrik

In der Chemischen Fabrik entstanden noch bis 1986 neue Anlagen. Seit 1928 produzierte man dort auch Aktivkohle. Zuletzt war dieser Stoff das Hauptprodukt des Werkes geworden. Die Degussa verkaufte am 1. Mai 1988 das Werk in Brilon-Wald an einen anderen Aktivkohlehersteller, die Calgon Carbon Corporation aus Pittsburgh in den USA.
Diese Firma gründete das Tochterunternehmen "Chemviron Carbon GmbH" in Neu-Isenburg, zu dem nun auch das Werk Brilon-Wald gehörte.

Diese Gesellschaft stellte dann 1992 nach 112 Jahren die Fabrikation von Holzkohle in Brilon-Wald ein. Am 18. Januar 1995 wurde verkündet, dass ab Jahresmitte auch die Produktion von Aktivkohle nicht mehr weitergeführt werden soll. Die letzten 150 Mitarbeiter wurden entlassen.

Entwicklung der Wohnbebauung

Zu den ältesten Häusern von Brilon-Wald gehört das "Alte Forsthaus", das als einziges Haus westlich der heutigen Bahnlinie nach Willingen gebaut wurde, bevor diese Bahnstrecke entstand. Hier wohnten die für den südlichen Briloner Stadtwald zuständigen Förster mit ihren Familien.
Im Jahre 1937 verkaufte die Stadt das Doppelhaus und vier Hektar Umland an die Degussa, die hier Werkswohnhäuser für die Mitarbeiter der Chemischen Fabrik bauen wollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verkaufte die Degussa das Land für 50 Pfg./qm an ihre Mitarbeiter und es entstanden hier 22 Einfamilienhäuser.

Derzeitige Entwicklung

Im Herbst 1998 hat die Firma "Wilh. Hillebrand, Sägewerk und Zimmerei" die Arbeit eingestellt. Dieser Betrieb - der auch am Bau unserer Schützenhalle mitgewirkt hat - war vor etwa 30 Jahren von Brilon nach Brilon-Wald auf das Gelände des früheren Bauhofs der Firma Heinrich Fahle verlagert worden.

Am Ende des Jahres 1998 ließ die Immobilienverwaltung der Bahn AG durchblicken, dass man sich in Brilon-Wald von einem fast 600 m langen und bis zu ca. 40 m breiten Geländestreifen zwischen dem Gleis 3 und der Korbacher Straße trennen wolle, auf dem auch der Güterschuppen und das Bahnhofsgebäude stehen.
Das Gelände und das Bahnhofsgebäde gingen im Oktober 2004 in den Besitz der Stadt Brilon über.

Seit 2014 kümmert sich das Projekt "Waldbahnhof Sauerland" um die Renovierung des Bahnhofsgebäude für eine Nutzung als touristisches Ziel. Hier gibt es bereits sichtbare Erfolge zu verzeichnen; 2016 wurde erstmals seit 1999 wieder zum großen Festzug des Schützenfestes vor der frisch renovierten Bahnhofsfassade angetreten werden; zum Sommer 2017 erstrahlte auch die Rückseite wieder in neuem Glanz.

Schließlich gelang es ebenfalls am Ende des Jahres 1998 dem Briloner Stadtdirektor Schüle, mit der Calgon Carbon Corporation einen Vertrag abzuschließen, in dem geregelt wurde, dass das Gelände der stillgelegten Chemischen Fabrik und eine Entschädigungssumme von neun Millionen DM in den Besitz des Landes Nordrhein-Westfalen übergehen, das sich dafür verpflichtet, das Gelände so herzurichten, dass es wieder für eine Bebauung geeignet ist.
Seit dem Jahr 2000 wird das Gelände unter der Regie der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Nordrhein-Westfalen saniert; ein Ende der Arbeiten war lange nicht in Sicht, wie sich in den Nachrichten nachlesen lässt.
Auch die Hoffnung, Brilon-Wald würde durch den Bau Europas größter Skihalle wirtschaftlichen und touristischen Aufschwung erhalten, musste begraben werden.
Doch auch hier gibt es neue Hoffnung: Am 30. Juni 2017 fand am Essigturm der Spatenstich statt, mit dem die Firma "Condensator Dominit" ihren Umzug aus dem Bremecketal nach Brilon-Wald einläutete.

Siehe auch: Wikipedia-Artikel über Brilon-Wald